Glotz mich nicht so an!

 

Als ich noch klein war, hieß es: Gott sieht alles. Beruhigt hat mich das nicht. Ich wollte nicht beobachtet werden. Aber bei Gott sind die Daten wenigstens sicher. Bei diesem weißen Kästchen an meiner Schlafzimmerdecke habe ich dagegen Zweifel. Wenn ich nachts nicht einschlafen kann, stelle ich mir immer vor, wie es mit seinem rot blinkenden Auge versucht, meine Gedanken zu lesen.


Ja klar, es soll nur verhindern, dass ich an Rauchvergiftung sterbe und es nicht merke. Dafür werde ich nun wohl bei vollem Bewusstsein an Schlafmangel sterben. Nicht mal die Wahl habe ich, welche Art des Ablebens mir lieber ist. Die Rauchmelder sind nämlich seit Jahresbeginn Pflicht.


Pflicht sind inzwischen auch SIM-Karten im Auto, zumindest in Neuwagen. eCall heißen die Dinger, die man beim Autokauf mit erwerben muss, damit sie einen dann fortwährend kontrollieren.  Die kleinen Wanzen können alles mithören, was im Auto gesprochen wird und wissen zudem ganz genau, wo sich dieses gerade befindet. Offiziell ist eCall dazu da, die 112 zu wählen, falls man einen Unfall erleidet und nicht mehr selber anrufen kann. 


Mag sein, dass sich manche damit sicherer fühlen. Ich nicht. Ich reagiere allergisch auf Beobachtung. In Wirtschaften muss ich mich deswegen immer an die Wand setzen, damit mich keiner von hinten anglotzt. Meine Computerkamera habe ich (wie hier schon erwähnt) auch abgedeckt. Und wenn mich jemand beim Auto fahren anstarrt, dann verschalte ich mich oder würge den Motor ab. Wenn ich also irgendwann mal die 112 wählen müsste, dann wahrscheinlich wegen eCall.


Deswegen werde ich wohl meine alte, sim-freie Gurke so lange fahren müssen, bis sie zusammenfällt. 


Oder bis mich der Kasten im Schlafzimmer in die Klapse geblinkt hat.