Mit dem Gesicht kommen Sie nicht rein

 

Im Cyberspace bewege ich mich inzwischen wie eine Stöckelschuhträgerin bei Glatteis: total unsicher. Mein PC ist mehr als zehn Jahre alt. Von Updates wird mir abgeraten. Meine Browser werden nicht mehr unterstützt und ständig erhalte ich irgendwelche Warnungen. Aber:  Ich kann mich damit wenigstens überhaupt noch bewegen.


Mein Laptop ist nämlich neuer und softwaremäßig auf der Höhe der Zeit. Die Folge ist jedoch, dass etliche meiner Lieblingsprogramme nicht mehr laufen. Demzufolge verwende ich das Teil nur noch selten. 


Mein dritter Zugang zur digitalen Welt, das Smartphone, ist zwar noch nicht völlig veraltet. Dafür fängt der Akku mittlerweile an zu schwächeln. 


Da wirft man notgedrungen einen Blick auf das Nachfolgemodell. Dessen einzige nennenswerte Neuerung ist eine Gesichtserkennung. Damit brauche ich angeblich nur meine Visage vor die Kamera halten und das Handy entsperrt sich von selber. Bislang muss ich noch die Zahlen 1, 2, 3 und 4 eingeben.


Nun hat außer mir keiner eine derartige Visage. Insofern ist das Ganze wohl gegen Missbrauch geschützt  Andererseits entgleisen mir öfter mal die Gesichtszüge. Zum Beispiel wenn ich am Abend vorher etwas getrunken habe. Oder wenn mich die Bauarbeiten in der Nachbarschaft morgens senil bettflüchten lassen. Da dürfte mich die Sprachassistentin Siri möglicherweise freundlich auffordern: „Rasier dich erst mal gescheit, sonst kann ich dich nicht reinlassen.“ Am Ende postet sie noch an meine Facebookfreunde, ich sei heute indisponiert und sähe aus wie Sau. 


Deshalb würde ich lieber ein Foto von mir vor die Kamera halten. Aus Sicherheitsgründen könnte ich das ja im Koffer mit dem Zahlenschloss deponieren. Das hat - zu meiner intellektuellen Entlastung - übrigens ebenfalls die Kombination 1,2,3,4.  


Bloß, wo ist da der Fortschritt? Wahrscheinlich lasse ich also doch nur den Akku tauschen. 


Lieber alt und klapprig, als neu und nervig.