Katholisch surfen

 

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch an die Gegenreformation. Ich nicht mehr. Aber als sie mit Aids die sexuellen Revolution niedergemacht haben, das ist mir noch gewärtig. Vielleicht bin ich deswegen gelassener, wenn die Spaßbremsen, die reaktionären, nun via Prism versuchen, dem digitalen Spuk ein Ende zu setzen.


Aufgrund meiner Altersvorsicht treibe ich es im Netz nämlich mit Kondom. Zum Beispiel registriere ich neue Computer oder Software meistens mit Phantasienamen. Mein richtiges Alter gebe ich, als Dame von Welt, sowieso nie an. Bei persönlichen Daten vertippe ich mich gern. Zudem habe ich etliche Metadeppen oder Alter-Egos erfunden, die ich für alle möglichen Netzaktivitäten einspanne.


Mein heimischer PC ist beispielsweise auf den Innenminister zugelassen. Bei Google bin ich als Thomas Müller, auf Schmutzelseiten hingegen als mein berühmter Namensvetter unterwegs. Da werden die bei der NSA ganz schön ins Grübeln kommen, wieso Thomas Müller so schlecht über die Bayern redet und es Johnny Depp nötig hat, sich Pornos runterzuladen.


Unter meinem richtigen Namen klicke ich schon auch hin und wieder, allerdings auf einem anderen Browser und ohne IP-Verschleierung. Wenn jemand überhaupt keine Spuren hinterlässt, macht er sich schließlich verdächtig. Da greife ich dann zum eigentlich nur noch dazu tauglichen Internet Explorer und bestelle mir Gratisexemplare der heiligen Schrift oder des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Oder ich abonniere die Videobotschaften der Kanzlerin. Dass ich dann bei Google oder YouTube nur Langweilerseiten empfohlen bekomme, damit kann ich leben.


Ich nenne das gerne: katholisches Surfen. In Wirklichkeit bin ich sauber und fromm. Und wenn nicht, dann war das der Mister Hyde oder der alte Adam. Dass ich nicht der einzige bin, der ein solches Doppelleben führt, hat übrigens neulich die Volkszählung ergeben. Allein in Nürnberg fehlten da plötzlich 20.000 Einwohner. Ein paar davon bin ich.