Der Postillon im Internet

 

In meiner Umgebung gibt es Leute, die hassen es, dass ich  so viele Zeit im Internet verbringe. Suchtverhalten, schlimmer als Alkoholismus, sei das, leiste der Unkultur Vorschub und entferne mich vom wirklichen Leben. Ich bin dann immer ganz fertig. Zumal ich ja wirklich oft geistig abdrifte, wenn mir Mitmenschen Dinge erzählen, die ich längst weiß oder nie kapieren werde.


Neulich besuchte ich einen alten Schulfreund, der besonders vehement gegen meine „Manie“ wetterte. Er saß vor dem Fernseher, Ich musste mit gucken, weil er müsse wissen, wie es ausgeht. Danach war da aber schon eine andere Sendung, die auch seine gesteigerte Aufmerksamkeit erforderte. Er ist übrigens kein Einzelfall. Andere gucken einfach um abgelenkt zu sein, während sie mit ihren Händen irgendwo an sich herummachen. Im besten Fall stopfen sie sich Chips in ihr Gesicht. Kulturell hochstehend natürlich, denn online sind sie dabei nicht.


Nun werden diese kulturell Hochstehenden aber in letzter Zeit auch vor dem Fernseher auf das böse Internet angesprochen. Zum Beispiel von der Post. Die wirbt dort für den e-Post-Brief. Tolle Sache. Das Briefgeheimnis wird ins Internet gebracht. Man muss nicht mehr mühsam  zum Briefkasten latschen, vielleicht gar noch zu irgendeiner in einem Sexshop untergebrachten Poststelle, nur um sich eine Marke zu kaufen. Man kann jetzt einfach vom Computer aus einen Brief schreiben und zahlt nur 55 Cent.


Das gab´s noch nie, meint der Fernsehzuschauer. So was Innovatives aber auch. Und gleichzeitig so billig. Auch nicht teurer als ein Brief, aber ohne Gerenne. Da kann man sich länger Chips ins Gesicht stopfen.


Dass Mails normalerweise gar nichts kosten, wollen diese Enthusiasmierten nicht wissen. Die unterlägen schließlich nicht dem Briefgeheimnis. Außerdem kommen sie sofort beim Empfänger an und nicht erst zwei Tage später. Überdies leiste es dem Hedonismus Vorschub, wenn man E-Mail-Fächer einfach öffne, wann es einem passt und nicht von der Post die Verpflichtung übertragen bekomme, jeden Tag einmal nachzuschauen  (außer man kann ein ärztliches Attest vorweisen). Es sei auch schön und „so persönlich“, dass der Postillon einen kennt, deswegen darf er auch gerne Daten an Firmen weitergeben. Das  sei doch nett, dann bekomme man wenigstens ab und zu Werbebriefe und muss nicht dauernd in ein leeres ePost-Fach blicken.  So funktioniere die Welt und so habe gefälligst auch das Internet zu funktionieren, sagen sie und müssen jetzt mal schnell vor die Tür. Der Pressefotograf warte um sie und ihr Anwesen für eine Geschichte gegen Google-StreetView abzulichten. Die braven Zeitungsleser dürfen nämlich wissen, wo mein Haus wohnt, die bösen Internetalkoholiker aber nicht.                   Peter Viebig