Vorsicht: Wissen kann depressiv machen

 

Neulich war ich bei einem dieser Ehemaligentreffen (ja, ja, ich habe mehrere Klassen besucht...) und traf da neben gleichfalls alt gewordenen Mitschülern, die eifrig Bilder ihrer Kinder und ihrer Reihenhäuser herumreichten, auch den Klassendeppen wieder. Er hatte nie was gewusst, hatte immer gepetzt, die alten Anzüge seines Vaters aufgetragen und war zu alledem auch noch etwas dicklich gewesen. Beim Klassentreffen war er nicht mehr nur dicklich: er brauchte zwei Stühle. Er tat mir fast ein bisschen leid, zumal die Lehrer, bei denen er petzen konnte, überwiegend schon nicht mehr lebten, und er auch keine Bilder oder sonstige Trophäen zum Vorzeigen hatte.


Als Depp, dachte ich mir, darf man sich auch nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, den Abstand zu den Nichtdeppen nicht zu groß werden lassen, sonst wird man irgendwann nicht mehr anerkannt, sondern nur noch bemitleidet.


Gleich nach dem Treffen schaute ich mal bei Wikipedia.de, dem Wissensportal im Internet, vorbei. Bisher hatte ich immer einen großen Bogen um Wikipedia gemacht. Zum einen glaubte ich, zu viel Wissen mache nur depressiv, zum anderen hatte ich gehört, da könne jeder drin herumschmieren, deshalb dürfe man den Angaben nicht trauen. Aber meinem Meyer'schen Konversationslexikon kann ich eigentlich auch nicht trauen. Da ist Ostberlin noch die »Hauptstadt der SBZ«. Vieles fehlt auch. Zum Beispiel wollte ich neulich wissen, was eigentlich ein »Emo« ist. In meinem »Meyer« stand da nur etwas von einer flugunfähigen Vogelart. Ich wusste aber, dass es sich bei Emos um Leute handelt, die gerne losheulen und sich von Brücken stürzen, ansonsten aber Fugazi oder anderen düsteren Musikgruppen zuhören. Das konnte also nicht stimmen.


Bei Wikipedia wurde ich schon fundierter aufklärt: »kommt von emotional hardcore und bezeichnet ein Subgenre des Hardcore-Punks«. Besser und für mich verständlicher war allerdings die Erklärung bei Stupidedia, auf das ich über Google stieß: »Emo (das), lat: heulus rummus langus, bezeichnet eine politisch inkorrekte Randgruppe heruntergekommener Teenager in schwarz-weiß. Eine Geschlechtsbestimmung ist anhand der Kleidung nicht möglich, doch meist tragen Emomädchen lange, schwarze Haare und Emomännchen kürzere. Der sicherste Weg, das Geschlecht zu ermitteln, ist, auf die Statur zu achten: Emomädchen sind meist fett, Emojungen dagegen sehr dürr gebaut.«


Es gibt also nicht nur ein Lexikon im Internet. So wie es auch nicht nur eine Wahrheit gibt. Wenn einer also beispielsweise bei Wikipedia mit seiner Wahrheit nicht zum Zuge kommt und als »Randalierer«, »Löschvandale« oder »Sockenpuppe« beschimpft wird, kann er seine Heimat auch in anderen Wikis finden und dort zur Aufklärung beitragen.


In den diversen Wikis stehen manchmal auch Beiträge, die in Wikipedia gar nicht vorkommen. Vielleicht weil sie den Oberpedianern zu popelig oder zu doof erscheinen. Doch ist es manchmal schön, wenn Kleinkram aufgehoben wird, den die Großen liegen lassen: So findet sich zum Beispiel im famosen Franken-Wiki (www.franken-wiki.de) ein Beitrag über den Depp im Web.