Voll auf die Sieben

 

Bei anderen kommt das häufiger vor, selbst kriegt man es leider nicht hin: Dumm sein und Geld verdienen. Jetzt habe ich aber den Dreh raus. Ich spiele nämlich Poker und werde es bald nicht mehr nötig haben, für ein paar läppische Euro »Deppenkolumnen« zu schreiben.

Angefangen hat meine Poker-Karriere bei einem dieser Familienfeste, wo einige Junge, um sich die Ratschläge der Altvorderen nicht weiter anhören zu müssen, vorschlugen: »Spielen wir doch ›Texas Hold’em‹. Zwei Karten werdet ihr doch noch halten können!«

Tatsächlich war es nicht wirklich schwer, das Zwei-Karten-Texas-Poker. Und: Man kann richtig Geld damit machen.
Ich ließ mich daher gar nicht erst auf die Ratschläge ein, die da auf mich niederprasselten. Ich verstand sie eh nicht. Dauernd war von »River«, »Blinds« oder »All in« die Rede. Alles Englisch. Da ließ ich doch lieber die Karten zu mir sprechen. Manche lachten mich sogar an, zum Beispiel die Herz-Sieben und die Karo-Drei.

Immer wenn mich meine beiden Karten anlächelten, lächelte ich zurück. Das verunsicherte meine sonst so coolen Mitspieler derart, dass sie ihre Karten meistens weglegten und mir ihr Geld überließen. Manchmal lachten mir aber auch weitere Siebener oder Dreier vom Tisch her entgegen, so dass die anderen mit ihren Assen-Pärchen blöd aus der Wäsche guckten.
Derart um ein paar Euro bereichert, schöpfte ich den nötigen Mut, mich bei Full-Tilt-Poker im Internet anzumelden. Die Durchschlagskraft meiner Taktik sollte schließlich weltweit bewiesen werden.

Zunächst musste ich mich allerdings erst daran gewöhnen, dass bei Full-Tilt-Poker die Uhren sechs Stunden nachgehen. Während ich also die sechs Stunden wartete, kam ich auf die blendende Idee, meine Taktik »Laughing Cards Strategy« zu nennen, die »Strategie der lachenden Karten«.

Als die Wartezeit um war, musste ich freilich erkennen, dass meine Mitspieler mich gar nicht lachen sehen konnten. Beim Online-Poker spielt nur ein Avatar, so ein virtueller Stellvertreter, für einen. Immerhin kann man den wenigstens unterschiedlich gucken lassen. Das habe ich dann natürlich ausgiebig genutzt: Wenn ich Sieben und Drei hatte, ließ ich ihn fröhlich schauen. Wenn ich zwei Assen in der Hand hielt, dann stellte ich den Gesichtsausdruck auf »verwirrt«. Und bei Dame und König klickte ich auf »traurig«.

Die anderen Avatare sahen dagegen immer gleich aus, und nahmen mir auch immer gleich das Geld ab. CoolCat302, eine irgendwie billig aussehende Dunkelhaarige, die neben mir am Tisch saß, sprach mich plötzlich an und meinte, ich sei ein »Fish«. »Ja, sogar ein Februarfisch«, säuselte ich zurück, und woher sie das wüsste? Erst reagierte sie nicht. Als ich dann mit einer Sechs und einer Zwei gegen ihre zwei Könige gewann, antwortete sie endlich: »Monkey!« Da war ich platt, sie kannte sogar mein chinesisches Sternzeichen.

Die Frau musste ich unbedingt näher kennen lernen, mit meiner Laughing Card-Strategy und ihrer Menschenkenntnis wären wir ein unschlagbares Team und könnten alle Pokertische der Welt aufmischen. Ich fragte sie also nach ihrer Adresse. Keine Antwort! »Wenigstens die Handynummer.« Nichts! »Eine Mailadresse ...?«
Irgendwann schrieb sie was von »wegpissen«. Bisher habe ich sie nicht wiedergetroffen, obwohl ich jeden Abend online pokere. Das große Geld muss also noch warten.