Mein braun gebranntes Zweit-Ich

 

Wenn Sie noch einmal von vorne anfangen könnten, würden Sie dann alles anders machen?

Ich ganz bestimmt! Professioneller Depp, das kann jeder nachvollziehen, ist nämlich kein erstrebenswertes Lebensziel.

Deswegen wollte ich jetzt von vorne angefangen, und habe mir daher ein neues Aussehen und eine neue Identität zugelegt. Zwar nur bei „Second Life“ im Internet, aber besser als nichts.


Dort gebe ich den braungebrannten Latin Lover, der auf den Namen Barolo Rossini hört, der wie eine gesengte Sau Salsa und Merengue tanzen kann, der in diversen Sprachen feisinnig parliert und der mit distinguierten Manieren die Damenwelt betört. Mit Hilfe von Second Life wollte ich endlich den Weltmann in mir rauslassen und mich auf diese Weise langsam aus der Trottelschublade herausarbeiten, in der ich in der analogen Welt dummerweise stecke.


Ich meldete mich zuerst bei secondlife.com an, suchte mir einen, meinen Intentionen entsprechenden Avatar (so heißen die virtuellen Doppelgänger, die für einen im Internet herumhupfen) raus, lud das Programm herunter und erblickte nach einigen Minuten Ladezeit mich bzw. mein anderes Ich, das auf einer Straße ziemlich hilflos herumstand und auf meine Befehle wartete.

Endlich mal jemand herumkommandieren können, das fand ich schon mal gut. Aber das Kommandieren mit Hilfe der Pfeiltasten erwies sich schwerer als erwartet. Nur im Zickzackgang schaffte ich es,  den im Katalog noch gut aussehenden, drahtigen Barolo zu einer kleineren Avatar-Ansammlung zu lotsen. Da war auch eine extrem hübsche Avatarin dabei, die ebenfalls Rossini mit Nachnamen hieß, mit der wollte ich gerne mal den Stammbaum abchecken. Aber kaum hatte sie mich gesehen, lief sie gleich weg.

Genauso wie die anderen, nicht ganz so hübschen Avatare. 


Erst jetzt merkte ich, dass meine Frisur etwas komisch nach vorne verrutscht war. Es sah aus, als hätte ich ein Brett vor dem Kopf.


Um damit nicht bei mehr Leuten unangenehm aufzufallen, machte ich die Fliege. Bei „Second Life“ ist das wörtlich zu verstehen, da kann man nämlich wirklich fliegen. Ich also nichts wie weg auf die Nachbarinsel.


Auf der befand sich eine mittelalterliche Burg. Da sind höchstens ein paar Freunde der Kultur zugange, bei denen mein Brett vielleicht als Künstlermähne durchgeht, mutmaßte ich und beschloss zu landen. Aber ich bekam es nicht hin. Entweder plumpste ich gleich ins Meer oder ich rutschte von der Böschung aus ins Wasser.


Nachdem mein Barolo schließlich beinahe ertrunken wäre, drückte ich in letzter Not erneut auf „Fliegen“, ließ den Guten in der Luft hängen und schaltete den Computer ab.

Ich ließ ein paar Tage ins Land streichen, damit sich auf der Startinsel niemand mehr an mich erinnert und machte einen neuen Versuch. Gottseidank, war meine Verwandte schon mal nicht da. Stattdessen saß da ein Buddha auf dem Weg herum und meinte, ich solle ihm meinen Namen nennen und ihm Fragen stellen. Sehr gerne hätte ich ihn gefragt, wie ich das Brett vor meinem Kopf  los werde. Aber das ging alles so schnell, dass ich mich irgendwie verklickt habe. Jedenfalls wandte sich der Buddha plötzlich indigniert von mir ab. Wahrscheinlich weil ich mit einem ausgestreckten Arm durch die Gegend hampelte und aussah als ob ich Hitler grüßen wollte. Den Arm bekam ich auch nicht mehr runter.


Ich hatte Angst. Der Buddha schien etwas mit den Veranstaltern von Second Life zu tun zu haben, und die würden mich sicher gleich aus ihrem "Paradies" verbannen. Deshalb flüchtete ich auf die andere Seite der Insel, wo es ruhiger zu sein schien und wo ich mir vielleicht Ratschläge besorgen konnte, wie man einen steifen Arm amputiert. Leider platzte ich aber mitten in eine Modenschau und wurde von lauter Models umringt. In meiner Panik ging ich das Befehlsmenü durch und klickte schließlich auf „ablösen“, was mir in diesem Fall am erfolgversprechendsten für den Arm erschien. Doch anstatt den Hitlergruß durch einen etwas weniger abschreckenden Gruß abzulösen, begann sich mein Avatar inmitten der langbeinigen Models auszuziehen. Erst das T-Shirt, dann die Hose, und das alles mit einem Arm, der andere grüßte immer noch Hitler Ich wollte wieder ganz schnell wegfliegen. Aber das funktionierte nicht. Da zog ich einfach den Stecker.


Seitdem zickt der Computer rum. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich ihn  nicht ordnungsgemäß ausgeschaltet habe  oder daran, dass mich jetzt der Verfassungsschutz ausspioniert. Wäre ja kein Wunder.


Trotzdem hat sich mein Ausflug ins Zweitleben nicht nur negativ ausgewirkt. Immerhin weiß ich jetzt: Lieber ein einfacher Depp, als ein doppelter Neonazi.