Alte Rocker

 

Selbst wenn ich ein Depp bin, bin ich doch auch ein alter Rock’n’Roller. Gerne treffe ich mich hin und wieder mit anderen Rock’n’Rollern in den CD-Abteilungen hiesiger Elektromärkte. Da sind wir Alten unter uns. Denn: Welcher junge Mensch kauft noch CDs?

Die jungen Musikliebhaber tummeln sich da lieber in »Meinem Raum«, was auf englisch »My Space« heißt und unter www.myspace.com zu finden ist. Dort haben viele bekannte Größen der Musikgeschichte ihre Seiten, mit vielen Bildern, netten Videofilmchen und Musikstücken zum Anhören. Unter den Popgrößen sind auch solche, die selbst die betagteren Fans kennen, weshalb diese nun ebenfalls in die MySpace-Gemeinschaft drängen.

Neulich habe ich eine Einladung erhalten. Da sagt man nicht nein. Also habe ich mir eine Mein-Raum-Seite eingerichtet. Ein Bild von sich sollte man dort schon zeigen. Dann muss man ein paar Angaben zur Person machen. »Profil« heißt das. Beispielsweise wollen sie bei MySpace wissen, wo man wohnt (Franken langt als Ort), wie alt man ist (da darf man auch lügen) oder welche Musikgruppen man am liebsten hört: da hab’ ich dann also ein paar unbekanntere Bands wie »Die Hasch Pappis«, »Alois Brummer & the Morgenlatten« oder »Gaschi und die Doldis« gepuscht. Schließlich wollen sie auch erfahren, wer meine Helden sind. Da musste ich dann jedoch passen. Ich bin nämlich ein friedlicher Depp.

Aber auch ohne Helden ging mein Profil online.

Ohne Freunde geht bei MySpace dagegen gar nichts. Freunde muss man sich einladen.

Der erste, den ich eingeladen habe, war Johnny Depp. Aber der hatte keine Zeit für mich. Dann umgarnte ich Eric Burdon, ging ihm mit »best singer ever« um den Bart. Und wenig später antwortete er ganz freundlich und meldete sich gleich als »my friend« an. Auch ein paar andere Berühmtheiten bekam ich problemlos ’rum. Mit fast allen wichtigen Persönlichkeiten der populären Musik tauschte ich mich schriftlich aus. Mit James Brown, mit Elvis Presley, mit Jimi Hendrix. Mit Edith Piaf bin ich sogar per Du. Und sie alle kann ich jetzt zu meinem Freundeskreis zählen.

Irgendwann entdeckte ich dann, dass nicht bloß Musiker bei Myspace Webauftritte haben. Sogar Größen des Geisteslebens sind dort vertreten. Schopenhauer hab ich mir dann ebenfalls als Freund gesichert, schließlich möchte man als ein bisschen gebildet dastehen. Auch Martin Luther habe ich gefragt. Der mailte mir, dass Gott auch die Deppen annimmt. Oder so ähnlich. Ich habe leider nicht alles verstanden, denn es war auf englisch.

Hat Luther nicht die Bibel ins Deutsche übersetzt? Und jetzt kann er das nicht mehr? Ich fragte gleich nach. Und tatsächlich: Martin Luther kann nur noch Englisch. Das muss ich den Denglisch-Gegnern hier mal mitteilen: Luther spricht nur noch Englisch! Ein echter Hammer, meiner unmaßgeblichen Rock ’n’ Roller-Meinung nach!

Inzwischen hat einer meiner Deutsch sprechenden Freunde versucht, die Angelegenheit ein bisschen zu relativieren. Das seien nicht die »Stars« selber, die bei MySpace ihre Webseiten betreuen, sondern irgendwelche Fans oder Mitarbeiter, hat er gemeint. Das hätte mir eigentlich auffallen müssen, weil bei meinen Freunden etliche Leute dabei sind, die gar nicht mehr leben.