Mit der Zweiten surft man besser

 


Im Netz kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Meinen AOL-Zugang benutze ich praktisch gar nicht mehr, weil da täglich 30, 40 Mails mein Postfach verstopfen. Da kommt zwar dann immer die freundliche Stimme »Sie haben Post«, aber ich weiß genau: Ich habe nur Ärger mit dem Löschen. Und warum: Weil ich irgendwann einmal in einem Chatroom drin war und mich gepflegt unterhalten wollte. Seitdem haben aber offenbar alle Schmuddelpics-Anbieter dieser Welt meine E-Mail-Adresse...


Um solches künftig zu vermeiden, habe ich mir einen anderen Webzugang zugelegt, Firewalls eingerichtet, die Funktion »Cookies-setzen« ausgeschaltet und mir auch gleich noch eine zweite Identität zugelegt. Mit der Zweiten surft es sich nämlich besser, denn die hat keine reale Postadresse, bekommt also keine merkwürdigen Lotterielose zugestellt, ist auch telefonisch oder per Fax nicht störbar, kann jederzeit – beispielsweise beim Überhandnehmen von Spam-Mails – ohne Bestattungs-kosten ableben und ist sowieso viel jünger und besser aussehend als ich.


Um es kurz zu machen: Ohne eine Zweitidentität ist man im Web der Depp. Zunächst braucht man für die Zweite aber eine E-Mail-Adresse. Die ist das Allerwichtigste, weil fast überall, wo man nicht völlig anonym hinsurfen kann, zunächst diese Adresse abgefragt wird.


Kostenlose E-Mail-Adressen gibt es über www.geizkragen.de oder www.kostenlos.de. Für die Einrichtung der Adresse müssen selbstverständlich die Daten, die die Werbebranche zur Feststellung der Zielgruppenzuge-hörigkeit braucht, angegeben werden. Denken Sie sich also was Nettes aus.


Mit dieser neuen Schön-&-Knackig-Identität und der entsprechenden Mailadresse geht man dann auf Webreise. Da stehen einem Clubs und Chatrooms, aber etwa auch der Homepage-Bastelapparat von www.fei-erabend.com ohne lästige Nebenwirkungen zur Verfügung. So kann man – relativ einfach – seiner Zweiten einen eigenen Webauftritt erstellen. Denn: Wer eine eigene Homepage hat, der ist so gut wie existent. Jetzt geht der Surfer daran, die Zweite entsprechend bekannt zu machen. Was nützt es, schön und knackig zu sein und keiner kriegt es mit? Also werden Suchdienste auf die Zweite gehetzt und beim Chatten wird natürlich die Homepage-Adresse nie vergessen.


So lernt der Webkünstler schnell andere interessante Identitäten kennen, die ihn sicher bald näher kennen lernen wollen (was man aber vermeiden sollte) und bekommt sicher auch das eine oder andere Schnäpp-chen offeriert. Irgendwann langt dann die Zweite nicht mehr und der User will eine Dritte, Vierte oder noch mehr Identitäten. An sich kein Problem, nur sollte man dran denken, den Überblick nicht zu verlieren. Um den zu behalten wäre auch ab und zu ein Blick in den Spie-gel nicht schlecht, damit man sieht: Das also ist die Erste – und die zahlt die Gebühren.