Begegnung mit der anderen Welt

 

Neulich bin ich umgezogen und war daher etliche Tage zwangsweise vom Netz getrennt. Harte Zeiten, das können Sie sich denken. Plötzlich muss man fernsehgucken, Bücher lesen oder sich mit Leuten unterhalten. Seltsame Ersatzhandlungen, nur, weil der Provider keine Ports mehr frei hat. Was auch immer das heißt.


Ich musste mich also unterhalten. Äußerst unerquicklich! In der analogen Welt gurken nämlich die merkwürdigsten Gestalten herum. Ich geriet folglich an einen Lehrer. Dem berichtete ich von meinen neuesten Erfahrungen mit dem Privatfernsehen. »Die Pisa-Diskussion muss wohl auch auf ältere Mitbürger ausgeweitet werden«, erhob der Lehrkörper am Ende meiner Ausführungen tadelnd die Stimme. Irgendwie wusste ich: Ich hatte was falsch gemacht. Nur was, das war mir nicht klar.


Ich hatte ihm nur erzählt, ich könne mich im Privatfernsehen wegen der vielen Werbeunterbrechungen nicht mehr auf die Filme konzentrieren. Wenn ich festgestellt habe, welches die Hauptfigur ist und wie die sich von anderen Schauspielern unterscheidet, wird schon wieder ein Werbeblock dazwischengeschaltet. Beispielsweise sei da unlängst in der Werbung ein Gespräch zwischen einem Lehrling und seinem Guru gezeigt worden, berichtete ich. Der von tiefen Seelenqualen gepeinigte Junge fragte: »Meister, warum heißen die Deutschländer-Würstchen eigentlich Deutschländer-Würstchen?« Da holte der Meister tief Luft und hob an: »Weil sie das beste von allen Würstchen vereinen.« Sie seien ein bisschen wie Frankfurter, ein bisschen wie Wiener... Meine Gedanken drifteten in diesem Moment ab: Wiener? Gehört Wien nicht zu Österreich? Und was ist mit den Nürnbergern? Ist das beste an ihnen nicht der Meerrettich? Und der nächste Werbeblock kommt mit neuen Fragen.


Am Ende sei ich völlig verwirrt gewesen, gestand ich nun dem Lehrer. Der Lehrkörper versuchte, sich auf mein Niveau zu begeben. Er habe ähnliche Erfahrungen im Internet gemacht. Da gebe es auch überall Werbung, meinte er. Oft könne er die Texte gar nicht lesen, weil da Banner drüber gelegt seien, die dann zu Ebay, T-Com oder dem Ottoversand weiterleiten würden, wenn man sie wegklicken will. Am Ende habe man vielleicht sogar etwas bestellt, was man gar nicht haben wolle. »Teufelszeug!«


»Das kenne ich«, antworte ich. »Ich klicke da auch immer hin und sehe mir alles ganz genau an.« Hat T-Com wieder ein neues Weihnachtsangebot? Hat nicht meine Quelle auch ab und zu was Hübsches? Ohne Werbung gehe im Netz überhaupt nichts und deshalb müsse man sich allen Werbefenstern und -Bannern mit vollster Konzentration widmen, die man aber nicht haben könne, wenn man statt dessen fernsieht. Am besten solle man ganz oft drauf klicken, denn nur so gebe es richtig Kohle für den Webseitenbetreiber, dozierte ich weiter. Deshalb würde ich mir auch jeden Tag mindestens zwei Stunden lang Werbung angucken. Aber nur im Internet, wenn die Ports wieder offen sind. Kaufen würde ich mir die beworbenen Produkte aber nicht. Da müsse ich ja raus, mich unterhalten.


»Pisa«, murmelte da der Lehrkörper noch mal, legte seinen Kopf schief und ließ mich stehen.