Mein Heini lebt nicht mehr!

 

Habe ich schon erzählt, dass ich bis vor kurzem eine wunderschöne Ergo-Dingsbums-Tastatur besessen habe? So eine fingerfreundliche nämlich, bei der der Handballen nicht verkrampft in der Luft hängt, sondern locker-entspannt auf einer sanft-kühlenden Silikonauflage ruht.


Das Tollste an dieser Tastatur war allerdings: Sie lebte! Alles, was an Essbarem in ihrer Umgebung herumlag, saugte sie an. Wenn ich einen Döner aß, flogen Salatteile oder Soßenreste nicht einfach, wie es die Regeln der Schwerkraft erfordert hätten, senkrecht zum Fußboden, sondern immer in einem Bogen in die Tastatur. Die schlürfte dabei sogar noch ein bisschen. Daher nannte ich sie Heini, nach dem mittlerweile von der Feuerwehr entsorgten Hund eines Bekannten, der so dick war, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und daher seinen Pal-Napf immer mit der Zunge zu sich her ziehen musste.


Mein Heini sorgte also dafür, dass der Fußboden vor dem Computer immer sauber blieb, auch auf dem Tisch waren kaum Brösel oder Getränkeflecken zu finden. Das putzte alles Ergo-Heini weg. Bevor ich mich am PC abmeldete, tätschelte ich ihn immer: »Hat’s geschmeckt, Heini?« Da gluckste er dann immer ein bisschen.


Eines Tages beschloss ich, meine Erkenntnisse über lebende Tastaturen der Internetwelt mitzuteilen. Schon lange träumte ich davon, mal etwas für das Netz-Lexikon Wikipedia (www.wikipedia.org) zu schreiben, hatte aber nie von etwas so viel Ahnung, dass es zu einem Beitrag gereicht hätte. Nun sollte Heini mich berühmt machen.


Weil ich aber im Schreiben von über jeden Zweifel erhabenen Sachbeiträgen nicht so geübt bin, dauerte es etwas länger. Mit mehreren Tassen Kaffee hielt ich mich wach, und auch Heini bekam seinen Teil ab.


Das muss ihm aber nicht bekommen sein. Als ich gerade den Satz »Die Tastatur ist ein Mensch wie Du und ich« hinschreiben wollte, quoll braune Flüssigkeit vermengt mit Oregano und verschrumpelten Salatstückchen aus den Ritzen. Ochottochott, ich rief sofort den tierärztlichen Bereitschaftsdienst an und erzählte einer anscheinend völlig verpennten Tierarztgattin: »Mein Heini hat Dünnpfiff!« »Kann das nicht bis morgen warten?«, grummelte sie. »Nein!« schrie ich, aber sie hatte schon mit dem Hinweis auf die Sprechzeiten eingehängt.


Also putzte ich meinen Heini mit extraweichem, chlorfreiem Klopapier erst einmal ab und versuchte ihn durch gutes Zureden wieder in Gang zu setzen. Doch er gab nur röchelnde Geräusche von sich. Schließlich spuckte er auch noch die Leertaste und das »Ö« aus. Da wusste ich: Jetzt geht’s dahin! Der arme Heini! Er war so ein guter, genügsamer Kamerad. Nie ein Widerwort, selbst wenn ich den größten Schwachsinn absonderte. Auch an meinem Essen hat er niemals herumgemäkelt. Einen solchen Freund findet man selten.

Das werde ich alles auf seinen Grabstein schreiben. Er hat es verdient.




Ach so, inzwischen besitze ich eine neue Tastatur. Sie war schon tot, als ich sie im Supermarkt gekauft habe: Die frisst nämlich nichts, die tippt nur – unter anderem solche Artikel. Ich glaube, ich tausche sie um.