Wie ich von der Pest geheilt wurde

 

Ich bin doch nicht blöd und zahl‘ Praxisgebühr!«, dachte ich neulich, als ich plötzlich starke Schmerzen am Hintern bekam. Da ich ohnehin gerade online war, brachte ich also mein Anliegen zunächst einmal in dem von mir und etlichen anderen Deppen bevölker-ten Chat-Raum vor.


»Mir tut‘s hinten saumäßig weh«, tippte ich knieend in die Tastatur, denn sitzen konnte ich nicht mehr. Erst alberten sie herum. Wie es denn vorne aussehe, ob es wenigstens da noch gehe, wollten die Mit-Chatter wissen. Das Übliche halt. Doch da muss man durch, wenn man einen Rat will.


»Du hast die Pest«, antwortete mir schließlich »Kurti 53«. Die anderen bestätigten dies prompt: »Einwand-frei: Pest!«. »Süßmaus 32« riet mir: »Pass auf, dass Du nicht über die Stadtmauer geschmissen wirst«. Wenn sie alle die gleiche Diagnose stellen, dann wird‘s wohl stimmen...


Zum Doktor wollte ich aber immer noch nicht. Außer-dem war Mittwoch, und da hat keine Praxis offen, nicht mal für Pestkranke.


Also begann ich (mittlerweile hatte ich auch an den Knien Schmerzen), mich mit Hilfe der Suchmaschine Google über die Symptome der Pest zu informieren. »Hohes Fieber?«. Ich griff an die Stirn: Nein, das stimmte schon einmal nicht. »Blaue Beulen?«. Ich holte einen großen Spiegel und ließ die Hose herunter: auch keine Beulen, blau schon gar nicht, eher rote Flächen und die auch nur links.


Mittlerweile war ich durch meine Pest-Recherchen derart ins Medizin-Geschäft eingetaucht, dass ich mir (trotz permanenter Hinweise wie: »Die Informatio-nen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden.«) zutraute, selbst rauszufinden, was meine Beschwerden verursachte.


Von www.patientenrichtlinien.de hangelte ich mich zu www.netdoktor.de, zu www.medizin.de, zu und schließlich zu www.ard.de/ratgebergesundheit/ . Selbst-medikation sei das, was ich da mache, wurde mir gesagt. Das klang gut. Ich war begeistert und fühlte mich auf einmal der Speerspitze der Gesundheitsreformbewegung zugehörig. Der Schmerz schien auch schon etwas nachzulassen.


Ich war also guter Dinge, um Doktor und Praxisgebühr herumzukommen. Windpocken, Masern, Ödeme... erwiesen sich jedoch nur kurzfristig als richtige Spuren. Schließlich landete ich bei »Druckstellen infolge ein-seitiger Belastung«. Die könnten auch beim falschen Sitzen auftreten, weshalb man seine Position überprü-fen sollte.


Kein Problem, ich hatte ja schon den Spiegel neben meinem Computer aufgebaut. In der üblichen Sitz-position blickte ich in das Spiegelbild und schlagartig wurde mir, dem geborenen Selbstmedikator, die Wurzel des Übels klar: Ich surfe auf einer Po-Backe.

Seitdem setze ich mich richtig hin, und was soll ich Ihnen sagen: Keine Schmerzen mehr!

Das Internet hatte mich geheilt. ES WIRKT WUNDER! Nun ja: Ohne übermäßiges Internetsurfen hätte mir vielleicht gar nichts weh getan. Das muss ich zugeben.