Der daddelnde Mensch

 


Nur Deppen zitieren heutzutage noch Goethe oder andere Dichter. Die übrigen kennen die meistens gar nicht mehr. Ich hingegen habe kein Problem, als Depp dazustehen, und zitiere daher mal Schiller:



Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.



Das Zitat begleitet mich schon lange und hat dazu geführt, dass ich Wochen, ach was sage ich, Monate, ja Jahre meiner Lebenszeit vor dem Computer verdaddelt habe. Wenn`s der Friedrich Schiller sagt und wenn`s dem Menschsein dient, dachte ich, dann kann das doch nicht verkehrt sein.



Ob Schiller Solitaire kannte, weiß ich nicht. Ist auch egal. Jedenfalls spiele ich das besonders oft. Es wird eigentlich nie langweilig und strengt nicht sonderlich an. Man ist halt am liebsten Mensch, wenn es nicht so anstrengend ist und wenn man nicht auch noch denken muss.



Solitaire kannte ich in der ersten Welt noch als "Patience". Da hieß es wohl so, weil man viel Geduld brauchte, die Karten jedesmal zu mischen und säuberlich auszulegen. Dafür hatte es etwas Meditatives, vom Zauber des Kartenlegens Umwehtes. Mir war das trotzdem immer zu viel Aufwand. Das dauernde Mischen, das Karten austeilen, das Umlegen.... Das alles macht inzwischen der Computer für einen, so dass das mit der "Geduld" nicht mehr allzu weit her ist. Man schaut halt, ob eine Karte passt, zieht sie mit der Maus rüber und fertig ist die Laube. Wenn´s nicht aufgeht, kann man mit Steuerung-Z auch noch ein wenig schummeln und  an die Stelle zurückgehen, wo man eventuell einen Fehler gemacht hat.



Aber zum Schummeln will ich hier nur soviel sagen: Ihr behumst euch selbst, ihr lügt euch in die Tasche und werdet schon sehen, wo ihr damit landet!



Ich wende mich daher lieber den positiven Aspekten von Solitaire zu. Es fördert das vorausschauende, logische Denken. Was passiert, wenn ich diese Karte anlege? Was passiert, wenn ich die Ass liegen lasse und erst später aufnehme? Kriege ich die später noch einmal zu Gesicht oder wird sie dann von irgendwelchen Luschen verdeckt, die ich nirgendwo anlegen kann? Verheddere ich mich dann, lande in einer Sackgasse und muss am Ende von der Welt und den Karten bedient aufgeben?



Manchmal spiele ich schon früh am Morgen eine Runde Solitaire um festzustellen, ob mein Hirn heute den Fährnissen des Alltags gewachsen ist, oder ob ich den Tag lieber zuhause verbringen sollte, heimlich daddelnd, wo keiner sieht, dass ich schlecht drauf bin und mein Hirn nur bedingt funktioniert. Das Daddeln an solchen Tagen hat allerdings einen entscheidendcen Nachteil: Es macht keinen Spaß. Man gewinnt nie. nie geht etwas auf und man kriegt daher auch noch miese Laune.



So führt Solitaire, und da bin ich bei einem weiteren positiven Aspekt, letztlich zum Trotzdem-Rausgehen. Man weiß, Weiterspielen bringt´s nicht und sagt sich: Sollen die anderen doch ruhig mitbekommen, dass es bei mir mit dem logischen, vorausschauenden Denken hapert, denn schließlich bin ich damit doch eines: 


ganz Mensch!       




Kaufen Sie sich bloß kein Eipäd!

 


Als ich neulich mal wieder gemütlich fürbaß durchs Netz spazierte, stieß ich auf zwei Videos, die sich beiden mit einem neuen Kleincomputer beschäftigen, der Eipäd oder so ähnlich heißt. In einem sieht man ein zweijähriges Mädchen, das mit dem Teil ohne Eingewöhnungszeit arbeitet, im anderen ist es gar eine Katze, die dort Girlanden zeichnet und Klavier spielt.



Ich kann das nicht gutheißen. Mal abgesehen, dass Kinder an Holzbauklötze und Katzen an Kratzbäume gehören, muss man doch die Frage stellen: Warum haben wir uns jahrelang mühsam mit verschiedenen Windows-Systemen, mit seltsamen Tastenbefehlen und mit spröden Tastaturen abgeplagt, wenn dann jedes Kleinkind und dröge Katzen das genauso können? Der Künstler soll erst einmal leiden. So ist das doch.



Es kann doch nicht sein, dass die ganze Lebenszeit, die wir etwa ins Üben des STRG-ALT-ENTF-Klammergriffs gesteckt haben, umsonst war. Das muss sich doch auszahlen, dass wir uns da geplagt haben. Auch dass man dieses Teil im Liegen oder auf dem Sessel flätzend bedienen kann, finde ich nicht korrekt. Haben wir uns nicht extra optimierte Computertische gekauft, ergonomisch gefertigte Bürostühle und Mauspads mit silikongefühlten Handballenauflagen, damit sich die körperlichen Folgeschäden durch das Verharren in einer bestimmten Arbeitsstellung in Grenzen halten? Das soll jetzt alles egal, ach was sage ich, obsolet sein?



Auf den Dingern soll man ja auch Filme ansehen, Musik hören und Romane lesen können. Überall. Soll ich wohl auch noch mein Fernsehgerät und meine schweineteure HiFi-Anlage entsorgen und meine Bücher dem Altpapier überantworten? Dann müsste ich ja zugeben, dass ich die letzten Jahre mein mühsam erarbeitetes Geld fehlinvestiert habe.



Dann müsste ich am Ende noch mein Fernsehzimmer an Studenten vermieten, weil ich künftig auch auf dem Balkon oder im Garten Filme gucken kann. Nein! Mit mir nicht!



 

 


Der Postillon im Internet

 


In meiner Umgebung gibt es Leute, die hassen es, dass ich  so viele Zeit im Internet verbringe. Suchtverhalten, schlimmer als Alkoholismus, sei das, leiste der Unkultur Vorschub und entferne mich vom wirklichen Leben. Ich bin dann immer ganz fertig. Zumal ich ja wirklich oft geistig abdrifte, wenn mir Mitmenschen Dinge erzählen, die ich längst weiß oder nie kapieren werde.



Neulich besuchte ich einen alten Schulfreund, der besonders vehement gegen meine „Manie“ wetterte. Er saß vor dem Fernseher, Ich musste mit gucken, weil er müsse wissen, wie es ausgeht. Danach war da aber schon eine andere Sendung, die auch seine gesteigerte Aufmerksamkeit erforderte. Er ist übrigens kein Einzelfall. Andere gucken einfach um abgelenkt zu sein, während sie mit ihren Händen irgendwo an sich herummachen. Im besten Fall stopfen sie sich Chips in ihr Gesicht. Kulturell hochstehend natürlich, denn online sind sie dabei nicht.



Nun werden diese kulturell Hochstehenden aber in letzter Zeit auch vor dem Fernseher auf das böse Internet angesprochen. Zum Beispiel von der Post. Die wirbt dort für den e-Post-Brief. Tolle Sache. Das Briefgeheimnis wird ins Internet gebracht. Man muss nicht mehr mühsam  zum Briefkasten latschen, vielleicht gar noch zu irgendeiner in einem Sexshop untergebrachten Poststelle, nur um sich eine Marke zu kaufen. Man kann jetzt einfach vom Computer aus einen Brief schreiben und zahlt nur 55 Cent.



Das gab´s noch nie, meint der Fernsehzuschauer. So was Innovatives aber auch. Und gleichzeitig so billig. Auch nicht teurer als ein Brief, aber ohne Gerenne. Da kann man sich länger Chips ins Gesicht stopfen.



Dass Mails normalerweise gar nichts kosten, wollen diese Enthusiasmierten nicht wissen. Die unterlägen schließlich nicht dem Briefgeheimnis. Außerdem kommen sie sofort beim Empfänger an und nicht erst zwei Tage später. Überdies leiste es dem Hedonismus Vorschub, wenn man E-Mail-Fächer einfach öffne, wann es einem passt und nicht von der Post die Verpflichtung übertragen bekomme, jeden Tag einmal nachzuschauen  (außer man kann ein ärztliches Attest vorweisen). Es sei auch schön und „so persönlich“, dass der Postillon einen kennt, deswegen darf er auch gerne Daten an Firmen weitergeben. Das  sei doch nett, dann bekomme man wenigstens ab und zu Werbebriefe und muss nicht dauernd in ein leeres ePost-Fach blicken.  So funktioniere die Welt und so habe gefälligst auch das Internet zu funktionieren, sagen sie und müssen jetzt mal schnell vor die Tür. Der Pressefotograf warte um sie und ihr Anwesen für eine Geschichte gegen Google-StreetView abzulichten. Die braven Zeitungsleser dürfen nämlich wissen, wo mein Haus wohnt, die bösen Internetalkoholiker aber nicht.               



 


Wie ich mich einmal selbst heilte

 


Ich muss ja dieses neumodische Zeug eigentlich gar nicht haben. Ich könnte meinen Lebensabend auch damit verbringen, einfach nur so dazusitzen, meine durch das Sitzen entstandenen Druckstellen zu pudern und ab und an die Thrombosestrümpfe zu wechseln.



Aber ich bin halt ein Depp und möchte dabei sein, nicht ganz abhängen und auch mal meinen ungebetenen Senf dazu geben können, wenn sich jüngere Deppen unterhalten. Zum Beispiel fränkische.



Die haben es neuerdings viel mit „Dadsch-Sgriens“. Die sollen bald die Tastaturen ersetzen. Auf Tablet-Computern, Blackberrys oder iPhones. Gibt es die. Man kennt sie aber auch von der Bank. Da muss man – bei meiner zumindest - auch immer an den Bildschirm hindadschen, wenn man sein Geld will.



Weil  ich dort bereits mehrfach erfolgreich war, habe ich mir mittlerweile so ein Dadsch-Handy zugelegt. Leider bin ich (möglicherweise war ich das aber auch schon bei der Kaufentscheidung) inzwischen dauernd krank. Aus sämtlichen Körperöffnungen tritt Flüssigkeit  aus. Zunächst dachte ich: Wirst halt auch älter. Da fehlt einem häufiger was. Deswegen sollen Senioren ja auch viel trinken: Die müssen diesen immensen Flüssigkeitsverlust ausgleichen.



Doch das stimmte nicht. Es liegt an den Dadschdingern. Weil man die überall mit hinnimmt. Weil man am Klo auch noch schnell einen Tweet absetzt.  Weil man beim Zwischenmahl ein Youtube-Video aufruft. Weil man  aus der Nase einen Fremdkörper rauspuhlt und das dann seinen Facebook-Freunden vermeldet. Und weil man vor allem: dazwischen seine Finger nicht wäscht. Hat man ja schließlich nicht gelernt. „Nach dem Klo und vor dem Essen, Hände waschen nicht vergessen“, hieß das. Von „vor dem Touchscreen antatschen, Seife auf die Hände klatschen“ war nicht die Rede. Woher soll unsereiner das also wissen.



Monatelang habe ich also diese Bakterienschleuder mit mir herumgetragen und mich wahrscheinlich immer wieder  infiziert. Gerade wenn man eine komplexe Mail schreiben muss, griffelt man sich - zur Förderung des Denkprozesses - schon gern mal im Gesicht herum und prompt landet die Keimladung im Auge, im Mund - und wenn man Pech hat, bekommt man auf seine alten Tage noch eine Geschlechtskrankheit.



Um mein Dauer-Verrotztsein zu beenden, bin ich sofort ins Sanitärgeschäft, habe mir Einmalhandschuhe zum keimfreien Andadschen besorgt und jede Menge keimtötende Reinigungsmittel. Die habe ich über den Touchscreen geschüttet. Genug um alle Bakterien zu killen. Leider erkenne  ich nun auf dem Dadschdingens kaum noch was. Jetzt kann ich damit zwar nicht mehr twittern, bin aber auch nicht mehr krank. Ich kann also sagen: Seit der Reinigungsaktion läuft bei mir nichts mehr.



Aber schon regt sich wieder der Depp in mir. Vielleicht sollte ich mal an der Kloschüssel lecken.


 

Diese Website verwendet Cookies. Bitte lesen Sie unsere Datenschutzerklärung für Details.

OK