Dann gut N8

 


»Eißiekjust Du auch?«, fragte mich neulich jemand. Ich habe erst einmal »Ja« gesagt, obwohl ich keine Ahnung hatte, wovon die Rede war. Ich mache das immer so. Erstmal »Ja« sagen, dann steht man nicht wie ein Trottel da.



Inzwischen eißiekjue ich wirklich. War gar nicht so schwer. Eigentlich heißt das Ganze nämlich ICQ und ist ein Zwischending zwischen Mailen und Telefonieren. Dazu muss man einfach nur bei www.icq.de das Programm herunterladen und schon kann man sich mit Leuten unterhalten.



Vorausgesetzt, man kennt welche. Wenn nicht, dann muss man versuchen, sich irgendwo anzuwanzen (schließlich steht ICQ für »I seek you« und das bedeutet letztlich: ich wanze mich an) und wird – wenn man Glück hat – gnädig in eine Unterhaltungsgruppe aufgenommen. Doch da beginnt das Missverstehen erst. ICQ ist nämlich nur die Einstiegsabkürzung, danach geht es erst richtig los. Hier sind lauter Tippfaule unterwegs, die kürzen alles ab, sogar ihre Gefühlsregungen.. »Wie geht’s, wie steht’s, ist hormonell alles in Ordnung?« schrieb ich da beispielsweise einem auch nicht mehr ganz taufrischen »Dreamgirl«.



»Lol«, schrieb das Dreamgirl zurück. »Selber lol«, dachte ich, musste aber zugeben, dass ich nicht wusste, was die Frau von mir wollte. Ich beschloss also, den Diddi57, einen anderen ICQ-Gesprächspartner, um Hilfe zu bitten. »Ich kämpfe hier mit lol, kannst Du mir weiterhelfen?« Der schrieb dann nur zurück: »Denk an Deinen Chef!«



So ein Quatsch. Erstens einmal dulde ich außer dem lieben Gott keine Chefs über mir und sollte er zweitens meinen Vorarbeiter gemeint haben, dann muss ich sagen, solche Leute vertreiben bei mir die gute Laune. Das kann ich überhaupt nicht brauchen, wenn ich mit Traummädchen kommuniziere. »dau, guck urban dictionary, n8« , antwortete Diddi und verabschiedete sich, das heißt: sein Name wurde rot statt blau, was soviel heißt wie »er ist offline«. Ich fing an zu suchen. Nach dem »städtischen Wörterbuch Nummer 8«. Denn ich hatte Englisch in der Schule und kann solche Sachen übersetzen.



Beim Googeln fand ich aber nichts Sinnvolles. Da habe ich die »Nummer 8« weggelassen und wurde prompt auf die Seite www.urbandictionary.com weiterverwiesen. Da gab ich dann in die Suchmaske n8 ein und erfuhr auf Englisch, dass das Deutsch ist. N und acht heißt »Nacht«, was wiederum bedeutet: Mir langt’s jetzt, ich geh ins Bett!



Auch lol habe ich im Städtischen Wörterbuch gefunden. »Laughing out loud« soll das heißen, also laut herauslachen. Nur bei dau wurde ich nicht gleich fündig. Ich fragte also mein Dreamgirl. Schließlich wusste ich ja, dass die Dame nur gelacht und keine Schweinereien im Sinn gehabt hat. »Lol, der Typ hat recht«, antwortete sie mir.



»Sei nicht so gemein, sag’s mir doch, bitte!«, schrieb ich zurück. »Dümmster anzunehmender User heißt das. Bei dir müsste das vielleicht sogar dad heißen: Dümmster anzunehmender Depp«, klärt er mich auf.



Muss sich einer wie ich so etwas bieten lassen? Ich schmolle jedenfalls. Das Dreamgirl habe ich ebenso wie den Diddi57 fürs erste aus meinen ICQ-Freundeskreis gelöscht. Lieber führe ich Selbstgespräche.



Damit Ihnen solche menschlichen Enttäuschungen erspart bleiben, empfehle ich die von mir leider zu spät entdeckte Adresse www.chatslang.de. Da finden sich die gängigsten Abkürzungen mit deutscher Erklärung.


 

 

 


Alte Rocker

 


Selbst wenn ich ein Depp bin, bin ich doch auch ein alter Rock’n’Roller. Gerne treffe ich mich hin und wieder mit anderen Rock’n’Rollern in den CD-Abteilungen hiesiger Elektromärkte. Da sind wir Alten unter uns. Denn: Welcher junge Mensch kauft noch CDs?


Die jungen Musikliebhaber tummeln sich da lieber in »Meinem Raum«, was auf englisch »My Space« heißt und unter www.myspace.com zu finden ist. Dort haben viele bekannte Größen der Musikgeschichte ihre Seiten, mit vielen Bildern, netten Videofilmchen und Musikstücken zum Anhören. Unter den Popgrößen sind auch solche, die selbst die betagteren Fans kennen, weshalb diese nun ebenfalls in die MySpace-Gemeinschaft drängen.


Neulich habe ich eine Einladung erhalten. Da sagt man nicht nein. Also habe ich mir eine Mein-Raum-Seite eingerichtet. Ein Bild von sich sollte man dort schon zeigen. Dann muss man ein paar Angaben zur Person machen. »Profil« heißt das. Beispielsweise wollen sie bei MySpace wissen, wo man wohnt (Franken langt als Ort), wie alt man ist (da darf man auch lügen) oder welche Musikgruppen man am liebsten hört: da hab’ ich dann also ein paar unbekanntere Bands wie »Die Hasch Pappis«, »Alois Brummer & the Morgenlatten« oder »Gaschi und die Doldis« gepuscht. Schließlich wollen sie auch erfahren, wer meine Helden sind. Da musste ich dann jedoch passen. Ich bin nämlich ein friedlicher Depp.


Aber auch ohne Helden ging mein Profil online.


Ohne Freunde geht bei MySpace dagegen gar nichts. Freunde muss man sich einladen.


Der erste, den ich eingeladen habe, war Johnny Depp. Aber der hatte keine Zeit für mich. Dann umgarnte ich Eric Burdon, ging ihm mit »best singer ever« um den Bart. Und wenig später antwortete er ganz freundlich und meldete sich gleich als »my friend« an. Auch ein paar andere Berühmtheiten bekam ich problemlos ’rum. Mit fast allen wichtigen Persönlichkeiten der populären Musik tauschte ich mich schriftlich aus. Mit James Brown, mit Elvis Presley, mit Jimi Hendrix. Mit Edith Piaf bin ich sogar per Du. Und sie alle kann ich jetzt zu meinem Freundeskreis zählen.


Irgendwann entdeckte ich dann, dass nicht bloß Musiker bei Myspace Webauftritte haben. Sogar Größen des Geisteslebens sind dort vertreten. Schopenhauer hab ich mir dann ebenfalls als Freund gesichert, schließlich möchte man als ein bisschen gebildet dastehen. Auch Martin Luther habe ich gefragt. Der mailte mir, dass Gott auch die Deppen annimmt. Oder so ähnlich. Ich habe leider nicht alles verstanden, denn es war auf englisch.


Hat Luther nicht die Bibel ins Deutsche übersetzt? Und jetzt kann er das nicht mehr? Ich fragte gleich nach. Und tatsächlich: Martin Luther kann nur noch Englisch. Das muss ich den Denglisch-Gegnern hier mal mitteilen: Luther spricht nur noch Englisch! Ein echter Hammer, meiner unmaßgeblichen Rock ’n’ Roller-Meinung nach!


Inzwischen hat einer meiner Deutsch sprechenden Freunde versucht, die Angelegenheit ein bisschen zu relativieren. Das seien nicht die »Stars« selber, die bei MySpace ihre Webseiten betreuen, sondern irgendwelche Fans oder Mitarbeiter, hat er gemeint. Das hätte mir eigentlich auffallen müssen, weil bei meinen Freunden etliche Leute dabei sind, die gar nicht mehr leben.


 

 

 


Mein braun gebranntes Zweit-Ich

 


Wenn Sie noch einmal von vorne anfangen könnten, würden Sie dann alles anders machen?


Ich ganz bestimmt! Professioneller Depp, das kann jeder nachvollziehen, ist nämlich kein erstrebenswertes Lebensziel.


Deswegen wollte ich jetzt von vorne angefangen, und habe mir daher ein neues Aussehen und eine neue Identität zugelegt. Zwar nur bei „Second Life“ im Internet, aber besser als nichts.



Dort gebe ich den braungebrannten Latin Lover, der auf den Namen Barolo Rossini hört, der wie eine gesengte Sau Salsa und Merengue tanzen kann, der in diversen Sprachen feisinnig parliert und der mit distinguierten Manieren die Damenwelt betört. Mit Hilfe von Second Life wollte ich endlich den Weltmann in mir rauslassen und mich auf diese Weise langsam aus der Trottelschublade herausarbeiten, in der ich in der analogen Welt dummerweise stecke.



Ich meldete mich zuerst bei secondlife.com an, suchte mir einen, meinen Intentionen entsprechenden Avatar (so heißen die virtuellen Doppelgänger, die für einen im Internet herumhupfen) raus, lud das Programm herunter und erblickte nach einigen Minuten Ladezeit mich bzw. mein anderes Ich, das auf einer Straße ziemlich hilflos herumstand und auf meine Befehle wartete.


Endlich mal jemand herumkommandieren können, das fand ich schon mal gut. Aber das Kommandieren mit Hilfe der Pfeiltasten erwies sich schwerer als erwartet. Nur im Zickzackgang schaffte ich es,  den im Katalog noch gut aussehenden, drahtigen Barolo zu einer kleineren Avatar-Ansammlung zu lotsen. Da war auch eine extrem hübsche Avatarin dabei, die ebenfalls Rossini mit Nachnamen hieß, mit der wollte ich gerne mal den Stammbaum abchecken. Aber kaum hatte sie mich gesehen, lief sie gleich weg.


Genauso wie die anderen, nicht ganz so hübschen Avatare. 



Erst jetzt merkte ich, dass meine Frisur etwas komisch nach vorne verrutscht war. Es sah aus, als hätte ich ein Brett vor dem Kopf.



Um damit nicht bei mehr Leuten unangenehm aufzufallen, machte ich die Fliege. Bei „Second Life“ ist das wörtlich zu verstehen, da kann man nämlich wirklich fliegen. Ich also nichts wie weg auf die Nachbarinsel.



Auf der befand sich eine mittelalterliche Burg. Da sind höchstens ein paar Freunde der Kultur zugange, bei denen mein Brett vielleicht als Künstlermähne durchgeht, mutmaßte ich und beschloss zu landen. Aber ich bekam es nicht hin. Entweder plumpste ich gleich ins Meer oder ich rutschte von der Böschung aus ins Wasser.



Nachdem mein Barolo schließlich beinahe ertrunken wäre, drückte ich in letzter Not erneut auf „Fliegen“, ließ den Guten in der Luft hängen und schaltete den Computer ab.


Ich ließ ein paar Tage ins Land streichen, damit sich auf der Startinsel niemand mehr an mich erinnert und machte einen neuen Versuch. Gottseidank, war meine Verwandte schon mal nicht da. Stattdessen saß da ein Buddha auf dem Weg herum und meinte, ich solle ihm meinen Namen nennen und ihm Fragen stellen. Sehr gerne hätte ich ihn gefragt, wie ich das Brett vor meinem Kopf  los werde. Aber das ging alles so schnell, dass ich mich irgendwie verklickt habe. Jedenfalls wandte sich der Buddha plötzlich indigniert von mir ab. Wahrscheinlich weil ich mit einem ausgestreckten Arm durch die Gegend hampelte und aussah als ob ich Hitler grüßen wollte. Den Arm bekam ich auch nicht mehr runter.



Ich hatte Angst. Der Buddha schien etwas mit den Veranstaltern von Second Life zu tun zu haben, und die würden mich sicher gleich aus ihrem "Paradies" verbannen. Deshalb flüchtete ich auf die andere Seite der Insel, wo es ruhiger zu sein schien und wo ich mir vielleicht Ratschläge besorgen konnte, wie man einen steifen Arm amputiert. Leider platzte ich aber mitten in eine Modenschau und wurde von lauter Models umringt. In meiner Panik ging ich das Befehlsmenü durch und klickte schließlich auf „ablösen“, was mir in diesem Fall am erfolgversprechendsten für den Arm erschien. Doch anstatt den Hitlergruß durch einen etwas weniger abschreckenden Gruß abzulösen, begann sich mein Avatar inmitten der langbeinigen Models auszuziehen. Erst das T-Shirt, dann die Hose, und das alles mit einem Arm, der andere grüßte immer noch Hitler Ich wollte wieder ganz schnell wegfliegen. Aber das funktionierte nicht. Da zog ich einfach den Stecker.



Seitdem zickt der Computer rum. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich ihn  nicht ordnungsgemäß ausgeschaltet habe  oder daran, dass mich jetzt der Verfassungsschutz ausspioniert. Wäre ja kein Wunder.



Trotzdem hat sich mein Ausflug ins Zweitleben nicht nur negativ ausgewirkt. Immerhin weiß ich jetzt: Lieber ein einfacher Depp, als ein doppelter Neonazi.


 

 


Eine neue Kerbe auf der Bettkante

 


Dauernd jammern macht Falten und ist vielleicht ein Zeichen für Durchblick und Intelligenz. Doch das alles muss ich nicht haben. Ich verstehe ohnehin nicht, warum Leute immer behaupten, früher sei alles besser gewesen. Früher waren höchstens sie besser. Ich war damals schon genauso gut wie heute.



Als das mit dem Web losgegangen ist, habe ich als erstes www.kostenlos.de zu meinen Favoriten im Internet-Explorer hinzugefügt und sogar als Startseite eingerichtet. Und immer wenn irgendwo ein Preisausschreiben lief, habe ich teilgenommen. Unerwünschte Werbung bekam ich nie, nicht mal die üblichen Spams. Ich war nämlich nicht so blöd, meine richtige E-Mail-Adresse anzugeben. Bei der Postadresse habe ich selbstverständlich ebenfalls geschummelt, beim Alter sowieso. Gewonnen habe ich allerdings auch nie.



Dafür konnte ich aber massenhaft Musik kostenlos herunterladen und meinen Computer um jede Menge Programme bereichern, für die andere später einen Haufen Geld bezahlt haben. Alles dank kostenlos.de



Erst neulich habe ich wieder etwas umsonst bekommen. Ein Super-T-Shirt, selbstentworfen, frei Haus, ohne Nebenwirkungen und Folgewerbung.



Zwar nicht ganz kostenlos, aber immerhin erheblich billiger als im Laden erhält man im Netz auch vieles. Zum Beispiel beim Paten. Da gibt es supergünstige Gerätschaften, jedes Teil aber bloß einen Tag lang. Zuschlagen kann man allerdings nur als Gang-Mitglied. Das wird man einfach unter www.schutzgeld.de



Man gibt dem Paten, dem Chef von schutzgeld.de, nur die Daten und schon kann man für fast nichts LCD-Bildschirme, DVD-Recorder oder ein Taschen-Sudoku kaufen. Alles wird übrigens immer im voll krassen Gangster-Slang angepriesen, so dass man erst einmal denkt, da ist etwas nicht ganz sauber, das ist alles nur geklaut. Stimmt aber angeblich nicht.



Mit meiner Anti-Spam-Taktik kam ich trotzdem nicht weit. So habe ich leider den von mir gewünschten Hotspot-Finder für nicht mal 20 Euro nicht erhalten. Dabei wäre der angeblich sogar umprogrammiert gewesen. Der hätte neben WLAN-Hotspots, an denen ich mich drahtlos ins Internet einloggen kann, auch »wollüstige Frauen« angezeigt. Der Eros, ein italienischer Mitarbeiter des Paten, hat das Gerät entsprechend eingestellt. »Das ist sehr praktisch, weil man so nur Frauen ansprechen muss, die gierig auf ›Liebe machen mit Mann‹ sind. Da spricht der Eros die Frauen nur kurz an und schon kann er wieder eine neue Kerbe in das Bett kratzen«, schrieb der Pate auf seiner Homepage.



Mein Bett ist zwar aus kratzfestem Metall, trotzdem dachte ich: Cooles Gerät, das muss ich haben. Dummerweise konnte es nicht zugestellt werden. Die Adresse sei falsch, meinten die Leute vom Paten. Wenn ich so weiter mache, dann fliege ich aus der Gang raus.



Jetzt hab ich denen kleinlaut meine richtige Anschrift gegeben. Täglich hoffe ich, dass das Gerät wieder im Angebot ist. Dann schlage ich krass zu. Danach werde ich sofort mit dem Hotspot-Finder draußen die Lage abchecken. Damit die Frauen dabei gleich wissen, mit wem sie es zu tun haben, ziehe ich zum Abchecken mein selbstentworfenes Gratis-T-Shirt an, auf dem steht nämlich: »Depp 2.0«.


 

 

 


Voll auf die Sieben

 


Bei anderen kommt das häufiger vor, selbst kriegt man es leider nicht hin: Dumm sein und Geld verdienen. Jetzt habe ich aber den Dreh raus. Ich spiele nämlich Poker und werde es bald nicht mehr nötig haben, für ein paar läppische Euro »Deppenkolumnen« zu schreiben.


Angefangen hat meine Poker-Karriere bei einem dieser Familienfeste, wo einige Junge, um sich die Ratschläge der Altvorderen nicht weiter anhören zu müssen, vorschlugen: »Spielen wir doch ›Texas Hold’em‹. Zwei Karten werdet ihr doch noch halten können!«


Tatsächlich war es nicht wirklich schwer, das Zwei-Karten-Texas-Poker. Und: Man kann richtig Geld damit machen.

Ich ließ mich daher gar nicht erst auf die Ratschläge ein, die da auf mich niederprasselten. Ich verstand sie eh nicht. Dauernd war von »River«, »Blinds« oder »All in« die Rede. Alles Englisch. Da ließ ich doch lieber die Karten zu mir sprechen. Manche lachten mich sogar an, zum Beispiel die Herz-Sieben und die Karo-Drei.


Immer wenn mich meine beiden Karten anlächelten, lächelte ich zurück. Das verunsicherte meine sonst so coolen Mitspieler derart, dass sie ihre Karten meistens weglegten und mir ihr Geld überließen. Manchmal lachten mir aber auch weitere Siebener oder Dreier vom Tisch her entgegen, so dass die anderen mit ihren Assen-Pärchen blöd aus der Wäsche guckten.

Derart um ein paar Euro bereichert, schöpfte ich den nötigen Mut, mich bei Full-Tilt-Poker im Internet anzumelden. Die Durchschlagskraft meiner Taktik sollte schließlich weltweit bewiesen werden.


Zunächst musste ich mich allerdings erst daran gewöhnen, dass bei Full-Tilt-Poker die Uhren sechs Stunden nachgehen. Während ich also die sechs Stunden wartete, kam ich auf die blendende Idee, meine Taktik »Laughing Cards Strategy« zu nennen, die »Strategie der lachenden Karten«.


Als die Wartezeit um war, musste ich freilich erkennen, dass meine Mitspieler mich gar nicht lachen sehen konnten. Beim Online-Poker spielt nur ein Avatar, so ein virtueller Stellvertreter, für einen. Immerhin kann man den wenigstens unterschiedlich gucken lassen. Das habe ich dann natürlich ausgiebig genutzt: Wenn ich Sieben und Drei hatte, ließ ich ihn fröhlich schauen. Wenn ich zwei Assen in der Hand hielt, dann stellte ich den Gesichtsausdruck auf »verwirrt«. Und bei Dame und König klickte ich auf »traurig«.


Die anderen Avatare sahen dagegen immer gleich aus, und nahmen mir auch immer gleich das Geld ab. CoolCat302, eine irgendwie billig aussehende Dunkelhaarige, die neben mir am Tisch saß, sprach mich plötzlich an und meinte, ich sei ein »Fish«. »Ja, sogar ein Februarfisch«, säuselte ich zurück, und woher sie das wüsste? Erst reagierte sie nicht. Als ich dann mit einer Sechs und einer Zwei gegen ihre zwei Könige gewann, antwortete sie endlich: »Monkey!« Da war ich platt, sie kannte sogar mein chinesisches Sternzeichen.


Die Frau musste ich unbedingt näher kennen lernen, mit meiner Laughing Card-Strategy und ihrer Menschenkenntnis wären wir ein unschlagbares Team und könnten alle Pokertische der Welt aufmischen. Ich fragte sie also nach ihrer Adresse. Keine Antwort! »Wenigstens die Handynummer.« Nichts! »Eine Mailadresse ...?«

Irgendwann schrieb sie was von »wegpissen«. Bisher habe ich sie nicht wiedergetroffen, obwohl ich jeden Abend online pokere. Das große Geld muss also noch warten.

 

 


 

 


 

 


 

 


 

 

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