Vorsicht, Erdstrahlen!

 


Uff, das war eine harte Fastenzeit. Kurz nach Weih-nachten war ich auf der Webseite der Dr.-Gernot-Hoch-bürder-Stiftung (www.beesign.at/erdstrahlen) über die geheim gehaltene Gefahr »Erdstrahlen aus dem Inter-net« gelandet. Schlagartig wurde mir klar: Auch ich war ein Opfer von Erdstrahlen geworden und hatte es nicht gemerkt. Die Erdstrahlen, so stand da, werden nämlich über das Internet weitergegeben, ungefiltert wandern sie aus dem Erdinnern durch die schlecht isolierten Kabel ins Eigenheim. Beim Netzbesucher verursachen sie dann: Bandscheibenvorfall, Kurzsichtigkeit, Ver-folgungswahn, vorzeitige Ejakulation und Computer-sucht.



Von den letzten beiden war ich bereits befallen. Jetzt kam aktuell noch der Verfolgungswahn hinzu. Schreck-liche Erdstrahlen in meinem Wohnzimmer! Jedes Mal wenn ich surfe! Am Ende kommen noch kleine Erd-männchen und holen mich ab, ha, ha! Vielleicht steckt gar Bill Gates dahinter, peinigt die Menschheit mit Bandscheibenvorfall, um schließlich die Weltherrschaft übernehmen zu können? Alle dumpfen daddelnd dem baldigen Ende entgegen, und Bill kriegt jede Frau, die er haben will, weil er der einzige ist, der sich fortpflanzen kann? Nie mehr autonom, alle Macht dem Phantom!


Furchtbare Vorstellungen! Mir war schon ganz wirr im Kopf. So wirr, dass ich es dann schriftlich bekam: internetinduzierter Verfolgungswahn!



Im Zuge der Therapie hat mir ein Mensch meines Vertrauens inzwischen aber glaubhaft versichert, es gäbe keine Erdstrahlen, nur Sonnenstrahlen, und die hierzu-lande auch nur selten. Zunächst war ich einigermaßen beruhigt. Ich entfernte den Sandsack von meiner ISDN-Buchse, holte meinen PC aus dem bombensicheren Kellerräumen und surfte nach achtwöchiger Abstinenz wieder. Doch was mussten meine seltsam kurzsichti-gen Augen gleich beim ersten Surfen nach der langen Fastenzeit entdecken? Es gibt ein Anti-Deppen-Spray. Entwickelt von einer »Forschungsgruppe Depp« (www.anti-deppen-spray.de).



Das Internet ist noch mein Untergang.



 



Aus Versehen hingeklickt...

 


Ein katholischer Kollege berichtete mir neulich von einem Malheur, das ihm widerfahren ist. »Aus Versehen« habe er im Internet eine Pornoseite aufgerufen. Doch bevor »nackte Euter« seinen Bildschirm füllen konnten, stürzte der Computer ab.



Wenn man seine Hardware von Aldi und seine Software von Microsoft beziehe, sei es normal, dass das Gerät öfter mal abstürze, sagte ich und täuschte Allgemeinbildung vor. Nein, nein, meinte der katholische Kollege. Da sei angeblich ein vom Vatikan entwickeltes Zusatzprogramm schuld, das verhindere, dass »rechtgläubige Schäfchen« in Versuchung geführt werden.



Nun bin ich kein Katholik und glaube daher nicht alles. Dennoch habe ich vor dem neuen Papst – schon aufgrund dessen oberbayerischer Staatsbürgerschaft – einen Heidenrespekt. Außerdem: Wenn selbst der Vatikan merkt, dass man Schmuddelkram anklickt, wer bekommt das sonst noch alles mit?



Nach dem Gespräch mit dem Kollegen beschloss ich, im Netz vorerst anonym zu bleiben. Das geht, und zwar mit anonymouse.ws. Glauben Sie nicht? Dann gehen Sie doch auf die Adresse www.geobytes.com/IpLocator.htm. So, und jetzt probieren Sie dasselbe noch einmal mit Hilfe von Anonymouse. Sie werden sich wundern, was andere allein aus Ihrer IP-Adresse herauslesen können.



Wenn ich dagegen anonym surfe, kann ich ab und zu auch mal Jugendgefährdendes aufrufen und bei der Knackhintern-Hitparade mitstimmen, ohne fürchten zu müssen, dass das jemand mitbekommt. Muss schließlich auch niemand wissen.



Ob das anonyme Surfen allerdings wirklich so perfekt funktioniert wie behauptet, daran habe ich mittlerweile doch leise Zweifel. Vor einigen Tagen bummelte ich jedenfalls ganz analog durch die Stadt. Da glotzten mir mehrere Leute grinsend aufs Hosentürchen. Dabei war das gar nicht offen.



 

 


Mein Heini lebt nicht mehr!

 


Habe ich schon erzählt, dass ich bis vor kurzem eine wunderschöne Ergo-Dingsbums-Tastatur besessen habe? So eine fingerfreundliche nämlich, bei der der Handballen nicht verkrampft in der Luft hängt, sondern locker-entspannt auf einer sanft-kühlenden Silikonauflage ruht.



Das Tollste an dieser Tastatur war allerdings: Sie lebte! Alles, was an Essbarem in ihrer Umgebung herumlag, saugte sie an. Wenn ich einen Döner aß, flogen Salatteile oder Soßenreste nicht einfach, wie es die Regeln der Schwerkraft erfordert hätten, senkrecht zum Fußboden, sondern immer in einem Bogen in die Tastatur. Die schlürfte dabei sogar noch ein bisschen. Daher nannte ich sie Heini, nach dem mittlerweile von der Feuerwehr entsorgten Hund eines Bekannten, der so dick war, dass er sich nicht mehr bewegen konnte und daher seinen Pal-Napf immer mit der Zunge zu sich her ziehen musste.



Mein Heini sorgte also dafür, dass der Fußboden vor dem Computer immer sauber blieb, auch auf dem Tisch waren kaum Brösel oder Getränkeflecken zu finden. Das putzte alles Ergo-Heini weg. Bevor ich mich am PC abmeldete, tätschelte ich ihn immer: »Hat’s geschmeckt, Heini?« Da gluckste er dann immer ein bisschen.



Eines Tages beschloss ich, meine Erkenntnisse über lebende Tastaturen der Internetwelt mitzuteilen. Schon lange träumte ich davon, mal etwas für das Netz-Lexikon Wikipedia (www.wikipedia.org) zu schreiben, hatte aber nie von etwas so viel Ahnung, dass es zu einem Beitrag gereicht hätte. Nun sollte Heini mich berühmt machen.



Weil ich aber im Schreiben von über jeden Zweifel erhabenen Sachbeiträgen nicht so geübt bin, dauerte es etwas länger. Mit mehreren Tassen Kaffee hielt ich mich wach, und auch Heini bekam seinen Teil ab.



Das muss ihm aber nicht bekommen sein. Als ich gerade den Satz »Die Tastatur ist ein Mensch wie Du und ich« hinschreiben wollte, quoll braune Flüssigkeit vermengt mit Oregano und verschrumpelten Salatstückchen aus den Ritzen. Ochottochott, ich rief sofort den tierärztlichen Bereitschaftsdienst an und erzählte einer anscheinend völlig verpennten Tierarztgattin: »Mein Heini hat Dünnpfiff!« »Kann das nicht bis morgen warten?«, grummelte sie. »Nein!« schrie ich, aber sie hatte schon mit dem Hinweis auf die Sprechzeiten eingehängt.



Also putzte ich meinen Heini mit extraweichem, chlorfreiem Klopapier erst einmal ab und versuchte ihn durch gutes Zureden wieder in Gang zu setzen. Doch er gab nur röchelnde Geräusche von sich. Schließlich spuckte er auch noch die Leertaste und das »Ö« aus. Da wusste ich: Jetzt geht’s dahin! Der arme Heini! Er war so ein guter, genügsamer Kamerad. Nie ein Widerwort, selbst wenn ich den größten Schwachsinn absonderte. Auch an meinem Essen hat er niemals herumgemäkelt. Einen solchen Freund findet man selten.


Das werde ich alles auf seinen Grabstein schreiben. Er hat es verdient.



Ach so, inzwischen besitze ich eine neue Tastatur. Sie war schon tot, als ich sie im Supermarkt gekauft habe: Die frisst nämlich nichts, die tippt nur – unter anderem solche Artikel. Ich glaube, ich tausche sie um.



 


Warum leben wir eigentlich?

 


Viel Denkarbeit, die meisten wissen es, macht Falten und einen schlechten Teint. Vor allem beim Suchen im Internet mussten wir oft viel denken. Wie formuliere ich die Stichwörter am besten? Wie werden sie überhaupt geschrieben? Wo platziere ich ein »and«, und wie war das mit dem Plus und dem Minuszeichen? Etliches galt es zu berücksichtigen, wollte man nicht wegen einer kleinen Suche stundenlang im Netz versacken.



Jetzt hat das ein Ende. Mit der Suchmaschine Google (www.google.de) kann man nämlich genauso reden wie mit einem Menschen. Man fragt also beispielsweise: »Wie heißt der Bundespräsident?« Und schon liefert Google die Antwort: »Klinsmann«. Hätte man eigentlich selbst drauf kommen können. Fragen wir also lieber etwas schwereres: »Warum leben wir eigentlich?« »Das ist eine berechtigte Frage«, antwortet Google, »die wir alle uns täglich vor Augen halten sollten«. Wie bitte, das soll eine Antwort sein?!



Bessere Ergebnisse soll die Suchmaschine aber liefern, wenn man keine Frage, sondern gleich eine Antwort formuliert. Dort jedoch, wo einem Google helfen soll, fügt man ein Sternchen ein, sonst bräuchte man schließlich nicht zu suchen. Ein Beispiel: »Die Hauptstadt von Frankreich heißt *« Nach dem Klick erscheint ganz oben: »Paris«. Außerdem erfahren wir noch, dass Frankreich an Andorra, Luxemburg, Monaco und noch ein paar andere, nicht ganz so bedeutende Länder angrenzt. Schon an der zweiten Position steht aber: »Mit Alzheimer leben«. Meint Google wohl, wer nicht weiß, wie die Hauptstadt von Frankreich heißt, hat Alzheimer? Kann sich die blöde Suchmaschine nicht vorstellen, dass man kerngesund und bloß ein Depp ist? Hat Google vielleicht ein Deppenproblem? Kennt es vielleicht gar keine Deppen? Also nicht mal mich? Das gilt es zu überprüfen! Rasch tippe ich: »Der größte Depp ist*« Was für eine Enttäuschung: Mein Name taucht nicht auf! Stattdessen erscheinen ein mir unbekannter Marco, danach noch ein Robbi und schließlich ein gewisser Markus Söder. Erst an allerletzter Position ist der Satz zu lesen: »Der größte Depp ist man selbst.« Da bin ich wieder ein bisschen versöhnt. Immerhin lese ich meinen Namen ja hier:




P.S. Nachgerade ein Vorbild für mich ist übrigens Mario Dolzer, der größte Anbieter von Dialern. Füttern Sie die Google-Maske doch spaßeshalber mal mit »Mario Dolzer ist ein *«, dann werden Sie sehen, warum...




 


Begegnung mit der anderen Welt

 


Neulich bin ich umgezogen und war daher etliche Tage zwangsweise vom Netz getrennt. Harte Zeiten, das können Sie sich denken. Plötzlich muss man fernsehgucken, Bücher lesen oder sich mit Leuten unterhalten. Seltsame Ersatzhandlungen, nur, weil der Provider keine Ports mehr frei hat. Was auch immer das heißt.



Ich musste mich also unterhalten. Äußerst unerquicklich! In der analogen Welt gurken nämlich die merkwürdigsten Gestalten herum. Ich geriet folglich an einen Lehrer. Dem berichtete ich von meinen neuesten Erfahrungen mit dem Privatfernsehen. »Die Pisa-Diskussion muss wohl auch auf ältere Mitbürger ausgeweitet werden«, erhob der Lehrkörper am Ende meiner Ausführungen tadelnd die Stimme. Irgendwie wusste ich: Ich hatte was falsch gemacht. Nur was, das war mir nicht klar.



Ich hatte ihm nur erzählt, ich könne mich im Privatfernsehen wegen der vielen Werbeunterbrechungen nicht mehr auf die Filme konzentrieren. Wenn ich festgestellt habe, welches die Hauptfigur ist und wie die sich von anderen Schauspielern unterscheidet, wird schon wieder ein Werbeblock dazwischengeschaltet. Beispielsweise sei da unlängst in der Werbung ein Gespräch zwischen einem Lehrling und seinem Guru gezeigt worden, berichtete ich. Der von tiefen Seelenqualen gepeinigte Junge fragte: »Meister, warum heißen die Deutschländer-Würstchen eigentlich Deutschländer-Würstchen?« Da holte der Meister tief Luft und hob an: »Weil sie das beste von allen Würstchen vereinen.« Sie seien ein bisschen wie Frankfurter, ein bisschen wie Wiener... Meine Gedanken drifteten in diesem Moment ab: Wiener? Gehört Wien nicht zu Österreich? Und was ist mit den Nürnbergern? Ist das beste an ihnen nicht der Meerrettich? Und der nächste Werbeblock kommt mit neuen Fragen.



Am Ende sei ich völlig verwirrt gewesen, gestand ich nun dem Lehrer. Der Lehrkörper versuchte, sich auf mein Niveau zu begeben. Er habe ähnliche Erfahrungen im Internet gemacht. Da gebe es auch überall Werbung, meinte er. Oft könne er die Texte gar nicht lesen, weil da Banner drüber gelegt seien, die dann zu Ebay, T-Com oder dem Ottoversand weiterleiten würden, wenn man sie wegklicken will. Am Ende habe man vielleicht sogar etwas bestellt, was man gar nicht haben wolle. »Teufelszeug!«



»Das kenne ich«, antworte ich. »Ich klicke da auch immer hin und sehe mir alles ganz genau an.« Hat T-Com wieder ein neues Weihnachtsangebot? Hat nicht meine Quelle auch ab und zu was Hübsches? Ohne Werbung gehe im Netz überhaupt nichts und deshalb müsse man sich allen Werbefenstern und -Bannern mit vollster Konzentration widmen, die man aber nicht haben könne, wenn man statt dessen fernsieht. Am besten solle man ganz oft drauf klicken, denn nur so gebe es richtig Kohle für den Webseitenbetreiber, dozierte ich weiter. Deshalb würde ich mir auch jeden Tag mindestens zwei Stunden lang Werbung angucken. Aber nur im Internet, wenn die Ports wieder offen sind. Kaufen würde ich mir die beworbenen Produkte aber nicht. Da müsse ich ja raus, mich unterhalten.



»Pisa«, murmelte da der Lehrkörper noch mal, legte seinen Kopf schief und ließ mich stehen.

 

 


 

 


 

 


 

 




 

 

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