Klick für Klick mehr Selbstbewusstsein

 


Das Internet hebt das Selbstbewusstsein der Senioren. Auf diese bahnbrechende Erkenntnis kamen im April einschlägige Experten und Wissenschaftler auf Schloss Atzelsberg bei Erlangen. Wir wissen das schon länger. Schließlich ist sechs + sechzig das Magazin für selbst-bewusste ältere Menschen und hat deshalb auch diese Internet-Rubrik.



Unser heutiges Thema lautet also: Wie lässt sich aus dem Internet Selbstbewusstsein saugen? Ich wähle mich also in die Suchmaschine »Google« (www.google.de) ein. Die liefert unter dem Stichwort »Selbstbewusstsein« 60 200 Resultate, da wird doch was Brauchbares dabei sein. Das erste Angebot führt leider in die Irre. Es geht dabei darum, dass sich Delfine selbst im Spiegel erkennen. Wenn das schon Selbstbewusstsein ist, dann hab ich es fast immer... Der zweite Eintrag erscheint schon zielführender. »Selbstbewusstsein stärken« steht da. Doch auf der Website soll dem Besucher eine CD für 19.95 Euro verkauft werden, auf der irgendein unbe-kannter Musiker seinem Synthesizer Flächenklänge entlockt. Nee, das ist es wohl doch nicht.



Aber dann wird es besser: »Zehn Tipps für mehr Selbstbewusstsein« . Freude, schnell drauf geklickt, Mist. Die Maus hat sich verheddert. Jetzt fällt mir auch noch mein ergonomisches Pad runter. Was bin ich doch für ein Idiot. Zu blöd, eine Seite aufzurufen. Nachdem alles wieder an seinem Platz ist, geht die Suche weiter.



Na, endlich: Diesmal hat es geklappt. »Setzen Sie sich vor einen Spiegel, in dem Sie sich gut sehen können. Schauen Sie sich selbst in die Augen und sagen Sie sich: Du bist ein wundervoller und wertvoller Mensch - ich mag Dich... Besonders wie Du das mit der Maus hingekriegt hast... Ach so, ich soll mich auf meine positiven Eigenschaften konzentrieren und nicht auf meine Schwächen.



Auf zur nächsten Seite. Schließlich warten ja noch 60.196 Angebote darauf, entdeckt zu werden. »Frauen mangelt es an Selbstbewusstsein und deswegen verdie-nen sie meistens weniger«. Herausgefunden wurde das bei US-Studien. Dort haben männliche und weibliche Probanden Fragen beantworten und dann entspre-chende Gehaltsforderungen stellen müssen. Frauen haben, wenn sie etwas nicht gewusst haben, nur die Hälfte verlangt, die Männer trotzdem den vollen Betrag. Was sagt uns das: Selbstbewusstsein ist, wenn man es trotzdem versucht.



Gehen wir lieber ein Häuschen weiter. Ein Psychotest »Wie selbstbewusst bin ich?« verspricht neue Erkenntnisse. Das ist doch jetzt genau das Richtige. Da bin ich doch voll drauf eingestimmt. Brav beantworte ich alle 30 Fragen (Zum Beispiel: In Lokalen reklamiere ich nicht, wenn das Essen kalt ist oder nicht schmeckt). Und was rät mir der Psychologe nach der Auswertung? Ich soll mir das Buch »Lass Dir nicht alles gefallen« für 12,80 Euro beim Internet - Bücherversand Amazon bestellen. Nicht mit mir! Solche Werbetricks lasse ich mir nicht gefallen!



Da schieb ich lieber noch den Test bei www.glamour.com »Wie selbstbewusst sind Sie wirklich?« nach. Diesmal nur zehn Fragen, das erleichtert das Mitmachen. Klick, klick, rucki, zucki! Ergebnis: Ich strotze nur so, bin voll überzeugt von meinen Fähigkeiten. Selbstzweifel kenne ich offensichtlich nicht. Na also, wer sagt‘s denn! Man muss nur lange genug surfen, dann haut das mit dem Selbstbewusstsein schon hin. Jetzt schalte ich den Computer aber trotzdem lieber ab, sonst verliere ich noch den Boden unter den Füßen.




Mit der Zweiten surft man besser

 



Im Netz kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Meinen AOL-Zugang benutze ich praktisch gar nicht mehr, weil da täglich 30, 40 Mails mein Postfach verstopfen. Da kommt zwar dann immer die freundliche Stimme »Sie haben Post«, aber ich weiß genau: Ich habe nur Ärger mit dem Löschen. Und warum: Weil ich irgendwann einmal in einem Chatroom drin war und mich gepflegt unterhalten wollte. Seitdem haben aber offenbar alle Schmuddelpics-Anbieter dieser Welt meine E-Mail-Adresse...



Um solches künftig zu vermeiden, habe ich mir einen anderen Webzugang zugelegt, Firewalls eingerichtet, die Funktion »Cookies-setzen« ausgeschaltet und mir auch gleich noch eine zweite Identität zugelegt. Mit der Zweiten surft es sich nämlich besser, denn die hat keine reale Postadresse, bekommt also keine merkwürdigen Lotterielose zugestellt, ist auch telefonisch oder per Fax nicht störbar, kann jederzeit – beispielsweise beim Überhandnehmen von Spam-Mails – ohne Bestattungs-kosten ableben und ist sowieso viel jünger und besser aussehend als ich.



Um es kurz zu machen: Ohne eine Zweitidentität ist man im Web der Depp. Zunächst braucht man für die Zweite aber eine E-Mail-Adresse. Die ist das Allerwichtigste, weil fast überall, wo man nicht völlig anonym hinsurfen kann, zunächst diese Adresse abgefragt wird.



Kostenlose E-Mail-Adressen gibt es über www.geizkragen.de oder www.kostenlos.de. Für die Einrichtung der Adresse müssen selbstverständlich die Daten, die die Werbebranche zur Feststellung der Zielgruppenzuge-hörigkeit braucht, angegeben werden. Denken Sie sich also was Nettes aus.



Mit dieser neuen Schön-&-Knackig-Identität und der entsprechenden Mailadresse geht man dann auf Webreise. Da stehen einem Clubs und Chatrooms, aber etwa auch der Homepage-Bastelapparat von www.fei-erabend.com ohne lästige Nebenwirkungen zur Verfügung. So kann man – relativ einfach – seiner Zweiten einen eigenen Webauftritt erstellen. Denn: Wer eine eigene Homepage hat, der ist so gut wie existent. Jetzt geht der Surfer daran, die Zweite entsprechend bekannt zu machen. Was nützt es, schön und knackig zu sein und keiner kriegt es mit? Also werden Suchdienste auf die Zweite gehetzt und beim Chatten wird natürlich die Homepage-Adresse nie vergessen.



So lernt der Webkünstler schnell andere interessante Identitäten kennen, die ihn sicher bald näher kennen lernen wollen (was man aber vermeiden sollte) und bekommt sicher auch das eine oder andere Schnäpp-chen offeriert. Irgendwann langt dann die Zweite nicht mehr und der User will eine Dritte, Vierte oder noch mehr Identitäten. An sich kein Problem, nur sollte man dran denken, den Überblick nicht zu verlieren. Um den zu behalten wäre auch ab und zu ein Blick in den Spie-gel nicht schlecht, damit man sieht: Das also ist die Erste – und die zahlt die Gebühren.



 

 

 


Weg mit der GEZ!

 


Wenn ihnen nichts einfällt, dann resümieren viele gerne über vom Menschen verursachte Klimaveränderungen. Ich hingegen schimpfe lieber über Johannes B. Kerner.


Kerner? Der Fernsehmoderator sei zwar beschränkt aber harmlos, antwortet man mir dann. Stefan Raab dagegen sei auch noch gemein. Mag sein. Aber den Raab drücke ich einfach weg, mit der Fernbedienung. Für die Grinskiste Kerner (die, Sie haben es gemerkt, nur exem-plarisch für die Moiks, Beckmanns, Hartmanns, Faß-benders und Reibers dieser Medienwelt steht) drücke ich dagegen 193,80 Euro jährlich ab.


Das wurde mir neulich wieder bewusst, als ein »Beauftragter des Bayerischen Rundfunks« zur besten Sendezeit irrtümlich bei mir vor der Türe stand. Er hatte seine Akten fehlinterpretiert, dabei jedoch bei mir soviel Ärger losgetreten, dass ich mich im Web abreagieren musste.



Mails an den Bayerischen Rundfunk, an die GEZ (Gebühreneinzugszentrale), an ARD und ZDF wurden losgeschickt, in denen ich meine Meinung zu Kerner und Kopfgeldjägern kundtat. Die Reaktion war gleich null. Vielleicht hätte ich einen netteren Ton anschla-gen sollen, aber die Nettigkeit hat mir dieser B. Kerner verleidet.


Ich warf also meine Suchmaschine an und fand unter www.gez-abschaffen.de auch bald Gleichgesinnte.



Das Internet hilft halt, wenn man angefressen ist (der Kerner kennt das natürlich nicht, der grinst bloß blöd für mein Geld).



Im Gästebuch von www.gez-abschaffen.de ist gut Dampf ablassen. Zudem entdeckte ich dort den Hin-weis, dass die FDP angeblich die GEZ dicht machen will, wenn sie an die Regierung kommt. Umgehend mailte ich an den »sehr geehrten Herrn Westerwelle« (das war noch vor der Bundestagswahl) und versprach ihm meine Stimme, falls das mit der GEZ klar gehe. Doch weder der Westerwelle noch einer seiner Parteiunter-gebenen antworteten (am Möllemann lag’s also nicht allein, dass die 18 Prozent nicht erreicht wurden).



So blieb offensichtlich nur eine Lösung: Rundfunkge-rät und Fernseher zum Recyclinghof und bei der GEZ abmelden. Der Verlust wäre zu verschmerzen und die Menschheit hätte ein umgängliches Exemplar mehr …



Als ich erneut bei den GEZ-Abschaffern vorbei surfte, um meinen Frust über die FDP abzuladen und Infos über die Abmeldeformalitäten einzuholen, entdeckte ich jedoch, dass inzwischen eine GEZ-Neuregelung geplant ist. Demnach sind auch Computer GEZ-pflich-tig. Man könnte ja sonst ohne Gegenleistung www.tagesschau.de, oder www.br-online.de aufrufen oder gar unter www.zdf.de nachschauen, wer in der Kerner-Show demnächst Gemeinplätze austauschen darf.



Diese Angebote brauche ich zwar nicht. Schon gar nicht für den Preis. Aber das Internet brauche ich (zumindest für www.sechs-und-sechzig.de). Und die BR-Beauftragten wissen jetzt, dass ich Internet habe, durch meine E-Mails…



Ich bin schon ein echter Depp.



 

 


 

 


 

 

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